Die PsionWelt-Kolumne - Archiv 2004


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Sonntag, den 19. Dezember 2004

...völlig nichtig und klein

Ich sitze vor einem Bild, dass ich seit gut zwei Jahren als Desktopbild auf allen meinen Computern habe.


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Es wurde von Hubble, dem Weltraumteleskop aufgenommen und zeigt eine Galaxie auf dem Weg durch das Weltall.

Schon immer habe ich die Schönheit des Alls bewundert und wenn ich auf diesem unglaublich genauen Bild mir die vielen kleinen Galaxien anschaue, erzittere ich vor Erfurcht.

Tausende Male habe ich das Bild schon angeschaut.

Doch erst heute wird mir die Grausamkeit dieses Bildes bewusst.

Die Galaxie schwebt durch das All und verliert dabei einen Teil seiner Masse. Das dauert sicher Jahrtausende, aber es ist eindeutig auf dem Bild ersichtlich. Wenn man in Zeiträumen von Jahrmillionen denkt, wird einem das, was hier geschieht erst deutlich. Der „Staub“, den die Galaxie hinter sich her zieht, sind zigtausende von Sternen und Planetensystemen. Im Lauf der Zeit werden sie immer weiter von der Heimatgalaxie abgetrieben, erkalten, kollidieren mit anderen Sternen oder Galaxien. Chaos.

Unglaubliche Kräfte wirken hier. Unfassbare Tragödien spielen sich dort ab.

Und wir hier auf der Erde fühlen uns als Mittelpunkt des Universums, streiten darüber, wer nun an den rechten Gott glaubt, massakrieren uns gegenseitig wegen Macht und Geld. Lassen Menschen verhungern, bringen unsere Kinder um, ruinieren unseren kleinen Planeten, den einzigen Platz im All, auf dem wir leben können.

Wie viel wichtiger wäre es im Angesicht dieses Bildes, alle Kraft darauf zu konzentrieren, dass es uns, den Menschen, den Tieren und unseres Planeten gut geht. Gemeinsam – nicht nur einigen.

Welch Staubkorn sind wir doch.

Und verschwenden unsere Zeit und Kraft mit Nichtigkeiten.

Jürgen Rode
p|s|i|o|n|w|e|l|t


Dienstag, den 09. November 2004

Und läuft und läuft und läuft

Demnächst habe ich Geburtstag.

Und natürlich fragt meine Frau, was ich mir denn wünsche.

Der rechte Augenblick sich etwas zu erlauben, was Mann sonst nicht kaufen würde, denn die werte Gattin kann ja nun kaum etwas dagegen haben.

Und derzeit gibt es schon einige Dinge, die ich gut gebrauchen könnte. So einen luxuriösen MP3-Player vielleicht, mein alter hat nicht mal ein Display, oder für die Digitalkamera ein 40GB-Speicherkarten-Lesegerät.

Natürlich sollte es etwas sein, was entweder etwas Neues darstellt oder ein altes Gerät ersetzt.

Und das Wichtigste: Es sollte sinnvoll sein.

In Zeiten knapper Kassen, überlegt man es sich dreimal, bevor man sich etwas kauft, daß man eigentlich nicht braucht.

Selbstverständlich braucht man einen MP3-Player. Aber halt nur einen. So muß und will ich vor meinem eigenen Gewissen (und meiner Frau) mich rechtfertigen können. Auch wenn die Frage vielleicht nie gestellt wird: Ist es sinnvoll?

Und genau da kommen meine Zweifel her. Ist der iPod auch noch so schön, joggen gehe ich lieber ohne Knopf im Ohr, da höre ich lieber die Geräusche im Wald und ab und an einen Vogel im Hintergrund. Und im Auto, in der Wohnung auf der Arbeit – da brauche ich keinen MP3-Player. Zug fahren tue ich zu selten, und fliegen vermeide ich , wenn es nur geht. Bleibt eigentlich nur der Urlaub. Und dann nur, wenn ich auf der faulen Haut liege, also am Strand und im Schwimmbad. Da reicht dann aber der alte Player immer noch.

Aber dann vielleicht diese schnuckeligen Speicherkartenleser mit 40 Gig und der Möglichkeit MP3s zu hören. Wäre doch auch etwas. 40 Gigabyte für Bilder. Nie mehr Angst haben zu müssen, daß die Speicherkarten voll werden. Toller Gedanke.

Im Urlaub knipsen soviel ich will – aber da habe ich eh das Notebook dabei. Oder auf einer Feier. Hunderte von Bildern, in bester Auflösung. Aber da reichten die 1,5 Gigabyte an CF-Karten bislang immer und im absoluten Notfall hatte ich noch 256 MB im Psion. Die wurden dann kurzerhand formatiert und mitgenutzt. Dank täglicher Datensicherung kein Risiko. Und bei der letzten Hochzeit hatte ich mir einfach noch 1, 2 Gigabyte bei Freunden ausgeliehen. So richtig überzeugen will mich das alles nicht. Eine echte Notwendigkeit kann ich nicht erkennen. Ok, auch nicht.

Ein neues Handy kommt auch nicht in Frage. Das Letzte vom Sommer für 0 Euro tut seinen Dienst, und den meisten Schnickschnack habe ich noch nie genutzt. Eigentlich brauche ich es eher auf dem stillen Örtchen zum spielen als zum telefonieren. Aber das ist wohl ein typisches modernes Männerverhalten, daß jetzt sogar schon Eingang in die moderne Psychologie gefunden hat. Wir sollten darüber mal eine Gesprächsgruppe aufmachen. Nein, ein neues Handy kommt nicht in Frage, dann würden die „Sitzungen“ nur noch länger dauern.

So langsam verzweifele ich. Jetzt könnt ich mal und kann mich nicht entscheiden.

Wenn wenigstens mein Psion mitspielen würde.

Klar ist er nach wie vor der wichtigste Computer in meinem Leben. Und ja, ohne ihn wäre ich völlig kopflos.

Aber das Schlimmste an diesem teuflischen Gerät ist nicht etwa, daß er nach und nach einen Teil meines Gehirns aufgesaugt hat, nein er zeigt mir auch immer wieder meine Grenzen auf, wenn ich ihn gerade mal nicht dabei habe. Wenn er wenigstens das tun würde, was alle elektronischen Geräte nach ein, zwei Jahren tun: Kaputt gehen. Ein Gerät, daß jeden Tag sechs bis acht Stunden im Einsatz ist, muß doch irgendwann defekt sein. Ok, das Flachbandkabel hat mich auch einmal erwischt, aber ansonsten sieht das gute Stück aus, wie vier Wochen nach dem Kauf. Der Psion läuft und läuft und läuft.

Längst habe ich es aufgegeben, mich nach einem neuen Spielzeug umzuschauen. Schon lange bin ich nicht mehr informiert, welcher Hersteller gerade welchen neuen Typ auf den Markt geworfen hat. Mich quält nicht mal die Frage: Muß es ein Gerät mit oder ohne Tastatur sein.

So lange der Psion ohne Beanstandung funktioniert, mein Leben und mein Geschäft organisiert, kann ich nicht von ihm lassen.

Da kommt mein Freund Joachim mit seinem XY-Gerät. Ein tolles Teil: Mit MP3 und Farb-Display, sogar Videos kann er jetzt schauen, wenn die Speicherkarte groß genug ist. (Kopfwehtabletten wegen dem kleinen Display bräuchte ich dann aber für einen Spielfilm schon dazu).

Tausende Programme gibt es im Internet herunterzuladen. Die, die gut sind, kosten jedoch gleich richtig Geld. Und es kommen täglich neue Programme hinzu.

Ja, an die Zeiten kann ich mich auch am Psion erinnern. Nächte habe ich damals damit verbracht, Programme zu testen, um die herauszufinden, die etwas taugen und die ich wirklich brauche. Und wenn ich ehrlich bin: geblieben sind nur eine Handvoll. Der Rest war Spielerei oder wurde nach einiger Zeit nicht mehr gepflegt. Herausgeschmissenes Geld.

Joachim gibt mir eine Internetseite und ich staune über all die bunten Sachen. Dutzende ähnlicher Programme. Hunderte Viewer, die es ermöglichen, die Daten des PCs am PDA zu betrachten.

Nach einiger Zeit fällt mir auf, daß die wenigsten Programme dafür bestimmt sind, dauerhaft mit dem Gerät zu arbeiten. Meist soll / kann man kleinere Eingaben machen, aber echte Arbeit erfolgt am PC. Klar kann man auch ein Buch damit vollschreiben, aber richtig Spaß macht das sicher nicht. Nach einer guten Stunde des Surfens habe ich genug. Meine gesamte Freizeit könnte ich damit verbringen, die tollen Programme und Tools auszuprobieren. Aber ich erkenne schnell: Ich habe keine Notwendigkeit dazu. Alles, was ich derzeit zum Arbeiten brauche, kann ich mit dem Psion machen. Ich habe genau die Programme, die für meine speziellen Tätigkeiten wichtig sind längst gefunden. Da gehe ich lieber in der gesparten Zeit mit Freunden einen Wein trinken. Die netten Gimmicks, wie MP3 und Foto werden besser durch dafür spezialisierte Geräte ersetzt. Und die habe ich ja auch schon.

Bleibt mein Problem: Ich darf und irgendwie kann ich nicht...

Aber eines beruhigt mich: Ich bin nicht allein!

...und im Zweifel, habe ich ja nächstes Jahr auch wieder Geburtstag...

Jürgen Rode
p|s|i|o|n|w|e|l|t


Dienstag, den 18. Mai 2004

Ich zahle ja wohl wirklich genug

In meinem Job und bei einem meiner Hobbys höre ich das oft genug. Gebraucht wird der Satz von Leuten, denen es gut geht. Die immer etwas erwarten zurück zu bekommen.

Ich bin in meinem Beruf oft mit Menschen zusammen, die Spitzensteuersätze zahlen – und sich darüber ärgern. Die den Spitzensatz in der Krankenkasse zahlen. Und die dann auch noch Kirchensteuer bezahlen.

Und je jünger sie sind, desto häufiger kommt der Satz: „Ich zahle ja wohl wirklich genug, da kann ich erwarten, dass...“

Und wenn ich es mir überlege, dann ging es mir ja auch manchmal so. Ich beschwerte mich bei meiner gesetzlichen Krankenkasse, und benutzte selbst die Worte: „Na, ich zahle ja den Höchstsatz, da kann ich doch erwarten, dass...“ Ohne rot zu werden.

Und heute, einige Tage nach einer Diskussion am Tisch von Freunden, hat wieder mal der Geist gesiegt.

Oft passiert mir das beim Joggen. Ich gehe oft und ziemlich weit laufen, und wenn ich nicht an meine Grenzen gehe, sondern eher lahm durch die Gegend zottele, macht sich mein Kopf urplötzlich frei. Gedanken kommen und gehen. Nicht steuerbar. Ich kann in diesen ein, zwei Stunden nur am Anfang die Richtung beeinflussen, irgendwann beschäftige ich mich dann mit nicht aufgearbeiteten Problemen. Da kommt es schon einmal vor, dass ich beim PDS-Wähler anrufe und mich entschuldige, weil ich in einem dummen Scherz ihm vorwarf, mit seiner neuen Sicht der Dinge nun CDU-Wähler zu sein.

Ein schneller Scherz, einfach dahin gesagt, ohne es zu bedenken. Und wieder vergessen. Tage später, beim Laufen wird mir klar, das tat weh, das war unfair.

Und ich steige von meinem Ross herunter, nehme das Telefon und entschuldige mich. Weil mein Kopf, die Gedanken neu sortiert hat.

Manchmal gelingt das. Nicht regelmäßig. Nicht zeitnah. Manchmal nur Stunden, gelegentlich Jahre.

Den Mut aufzustehen und dann zu sagen, was gesagt werden muss, oder tun, was getan werden muss, der findet sich dann leicht.

Wenn der Gedanke da ist, geht alles. Doch genauso ist das mit den undurchdachten Worten, wie „Ich zahle doch genug...“

In meinem Amt als Kirchenvorsteher sehe ich jeden Monat die Menschen, die aus der Kirche austreten. Nur wenige tun es, weil sie nicht glauben. Die meisten, weil sie wissen, die Kirche ist für sie da, wenn Not ist, wenn Kinder getauft werden sollen, wenn geheiratet wird. Die Seelsorger und Sozialarbeiter helfen auch dem Atheisten, dem Andersgläubigen. Warum dann dafür Geld bezahlen? Wenn es ginge, würden sie auch aus der Krankenkasse austreten, manche wechseln unüberlegt in private Kassen, ohne das gesparte Geld für die Jahre vorzuhalten, wenn die private Krankenkasse teuer wird. Kein Gedanke an Morgen. Und noch mehr würden so schnell es irgend geht die Rentenkasse verlassen, und noch viel mehr die Einkommensteuer nicht zahlen.

Ältere Menschen, und solche, die nicht nur die Sonnenseite des Lebens kennen, denken da anders. Ganz anders.

Beim Bier sagte mir mein Freund, Pfarrer und Dekan, dass er zuletzt einen Krankenhauspfarrer in den verdienten Ruhestand verabschiedet hat. Ein netter Kerl.

Im Rahmen massiver Einsparmaßnahmen soll der Dekan jetzt entscheiden, ob es notwendig ist, dass wieder ein Pfarrer Dienst in diesem Krankenhaus tut oder ob es nicht besser sei, einer Gemeinde mit jungen Familien eine neue, treibende Kraft zu geben.

Im Krankenhaus sieht es trostlos aus. Die Kranken kommen und gehen. Man sucht das Gespräch mit dem Seelsorger. Ganz besonders wenn man sehr krank ist. Und noch öfters, wenn es wenig Hoffnung gibt. Da ist kein Unterschied zwischen Alt und Jung, katholisch, evangelisch oder muslimisch. Da sind wir alle gleich. Suchen Hilfe und ein gutes Wort. Schämen uns plötzlich nicht unserer Tränen, Ängste und Nöte. Sind schwach. Dann ist es wichtig jemanden zu haben, wie diesen Krankenhauspfarrer, der zuhört, und einem das Gefühl von Geborgenheit gibt. Der Zeit hat und Mut macht. Der einfach mal nur eine kraftlose Hand hält. Der gelernt hat, damit umzugehen und auch nicht unter der Last zusammenbricht und verzweifelt über das viele Elend.

Geht es dann besser, gibt es vielleicht noch ein Wort des Abschieds. Ein Wiedersehen gibt es selten, höchstens bei der nächsten Behandlung. Zu schnell vergraben wir solche Erfahrungen.

Ein Gemeindepfarrer, der sich ständig um seine zwei-, dreitausend Mitglieder kümmert, hat da ganz andere, dauerhafte Erfahrung, kann langfristige Plänen machen, Jugendliche heranführen, Menschen über Generationen begleiten.  Hält die Menschen in der Kirche. Tut etwas für die Gläubigen. Wird gesehen und beachtet. Ist angesehen. 

Wer von beiden ist wichtiger? Wir können uns nunmehr nur noch einen leisten. Wenn es nach modernen wirtschaftlichen Regeln geht. Einer verliert. Und damit viele, die ihn gebraucht hätten. Außer wir sind bereit mehr zu zahlen. Bereit, freiwillig mehr für die Allgemeinheit zu tun.
Bereit zu geben.

Doch wir sind es nicht mehr. Alles soll seinen Wert haben. Am besten noch einen Mehrwert.

Die aus fester Überzeugung keinen Glauben haben, muss dann aber wenigstens z.B. die Gesundheit wichtig sein.

‚Ich zahle ja genug ein.‘

Doch was passiert, wenn sogar das nicht ausreicht, um die Behandlung zu zahlen, wenn die lebenserhaltenden Maßnahmen so teuer werden, dass man ein ganzes Leben dafür arbeiten müsste. Wenn Medikamente teurer sind, als der gesamte Monatslohn oder Jahreslohn.

Die konsequente Weiterführung des Geiz-ist-Geil-Prinzips, würde dann vorsehen, dass der Arzt die Entscheidung trifft, ob das lohnt oder nicht. Na, so etwas hatte wir ja schon einmal.

Unwertes Leben.

Wie die Frau, deren Atmung aussetzte, die an die Lungenmaschine kommt. Nach Tagen der Hoffnung klar ist, dass sie durch Sauerstoffunterversorgung bleibende Schäden haben wird. Schon jetzt ist abzusehen, dass sie nie wieder wird vollständig arbeiten können. Man wird ihr die absterbenden Fingerkuppen und Füße amputieren müssen. Kann sein, dass sogar Hirnschäden dazukommen. Wenn sie es denn überhaupt schafft. Die Chancen sind gering. Hinterher berichtet sie, die Schwestern reden gehört zu haben. Träume hatte sie. Aber nicht die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Im Kopf ganz klar. Von außen, wie tot. Sie sitzt da, eine junge Frau, ohne Füße und mit verkürzten Fingern, schreibt etwas auf ein Stück Papier, lächelt, ist froh noch am leben zu sein und ihre Geschichte erzählen zu können. Jeder Mediziner kennt solche Fälle und weiß um die Entscheidung. Vor einigen Jahren, wäre diese Frau schon kurz nach der Einlieferung tot gewesen. Man hatte weder die Technik, noch die Maschinen, sie am Leben zu erhalten.

Ein Segen für die, die nur mit schwersten Schädigungen überlebten? Wer will das entscheiden? Und viel schlimmer, wer will das wissen. Vielleicht sind einige klare Momente besser als gar keine. Einfach Schluß machen. Einschläfern, wie den kranken Hund. Ihn von seinen Leiden erlösen. Ein Segen für all die, die sich jetzt solidarisch die Kosten teilen müssen. Wie einfach wäre es. Nur wer genug Geld hat oder schon einzahlte, wird bis zum Äußersten behandelt.

Doch was, wenn auch die gesamten Lebensersparnisse nicht reichen? Sie mitten in der Behandlung ausgehen. Kurz vor der Besserung, der entscheidenden Operation. Wenn es einen selber trifft? Wer will freiwillig sagen: Versucht es nicht, es ist zu teuer. Wer will es nicht wagen? Welcher Angehörige ist nicht bereit für den Freund, die Schwester, die Mutter, das Kind alles zu geben?

Alles! Auch die eigene Niere.

Auch ich bin kein Heiliger und es bedurfte einer sehr jungen Arbeitskollegin, damit ich mich endlich überwand und zur DKMS ging. Ein bisschen Blut abgenommen und getestet. Und dann gebangt und gehofft, irgendjemanden durch eine Knochenmarkspende helfen zu können. Keinen Cent kostet mich das. Nur Überwindung. Und dann kam eines Tages der Brief. ‚Sie passen zu einem Kranken, wir werden einen weiteren Test machen.‘

Angst kam plötzlich auf. Angst vor der eigenen Courage. Und doch, wenn es auch nur einem Einzigen hilft. Wenn ich selber die Spende bräuchte, aber mein Gegenpart sich hat einfach noch nicht testen lassen. Was dann?

Ich passte nicht.

Enttäuschung machte sich breit. Aber auch ein wenig Hoffnung. Vielleicht beim nächsten Mal. Was, wenn alle die Solidargemeinschaft verließen, wenn sich keiner mehr um den anderen kümmert. Was, wenn jemand die Entscheidung zu tragen hat: Lohnt sich, lohnt sich nicht. Diese Kosten kann man der Gemeinschaft aufbürden, diese nicht. Wirtschaft kann vielleicht so denken. Das Leben jedoch ist kommunistisch. Die Musketiere gäbe es nicht, wenn es nicht so wäre, dabei ist ihr Wahlspruch so alt, wie die erste Gruppe von Menschen, die irgendwo auf einem Baum zueinander fanden:

Einer für alle, alle für Einen.

Die, die schon selbst Leid gesehen haben, die selber in solchen Situationen waren, die selber Hilfe brauchten und spendeten, wissen, dass es wichtig ist, dass es auch jemanden gibt, der mehr zahlt. Freiwillig und ohne Rückgaberecht. Müssten nicht alle, denen es gut geht, so gut, dass sie beten könnten:

...unser täglich Spielzeug gib uns heute....

Wir, die uns über so triviale Dinge, wie Psions, Handys, MP3-Player Gedanken machen können, müssten also nicht wir hier freiwillig mehr geben. Ohne ständig zu hinterfragen: ‚Ist da auch kein großer Wasserkopf dahinter‘, oder ‚Wer weiß, ob mein Geld auch bei den Richtigen ankommt‘ Sollten wir, wenn wir denn schon nicht bereit sind, oder in der Lage, Geld zu geben, wenigstens Leistung erbringen? Blut spenden, sich zur Knochenmarkspende bei der DKMS testen lassen, im Heimatort dem Rot-Kreuz helfen, der Kirchengemeinde, dem Krankenhaus, den Sozialen Diensten, einige Stunden im Jahr helfen? Statt sich freizukaufen und dann Forderungen zu stellen.

Und wenn ich dazu nicht bereit bin, weil mir anderes wichtiger ist, dann wenigstens bereit sein, seinen Beitrag in Form von Geld zu bringen. Völlig unabhängig, wie viel das ist? Es fragt dann sicher auch keiner, wenn man selbst Betroffener ist, ob es sich auch lohnt und ob der da auch schon genug einbezahlt hat.

Jürgen Rode
p|s|i|o|n|w|e|l|t

Link zum Thema: www.dkms.de
Habt den Mut dazu :-)


Donnerstag, den 29. April 2004

Auch mich holt ab und an die Realität ein

Schau ich mir die Menschen in meiner Umgebung an, behaupte ich gerne von mir, ein sehr fortschrittlicher, neuen Medien aufgeschlossener Mensch zu sein. Betrachte ich die Reklameschilder der großen Provider oder Handyunternehmen, stehe ich aber wohl nur ganz kurz vor denen, die nicht mal einen Computer ihr eigen nennen.

Da wird von früh bis spät telefoniert (in der Werbung, sogar beim Stillen – woher kam das Wort nur?), auf der Party und in der Disco geht es gar nicht ohne (und ich dachte, man sollte sich dort mit netten Menschen unterhalten oder zumindest welche kennenlernen – warum telefoniere ich dann? Das erinnert mich an den Raucher, der an die frische Luft geht und sich erst mal eine Zigarette ansteckt) und ohne eingebauten MP3-Player und Foto geht schon gar nichts mehr. Natürlich müssen heute schon halbe Spielkonsolen eingebaut sein und das ‚privat office‘ soll ja auch noch mit – daher sind zumindest Infrarot und Bluetooth Pflicht – wer sich schon mit WLAN brüsten kann, will natürlich auch das noch.

Zuhause läuft statt dem Fernseher von früh bis spät der PC. Nein eigentlich kein PC mehr, denn erklärter Standart der Discountketten ist ja mittlerweile das Notebook. Also PC raus und Notebook ins Wohnzimmer.

Hübsch trappiert auf dem Sideboard bitte, damit man es auch gleich sieht. Bei jüngeren Leuten steht es auf einem extra niedrigen Tischchen neben dem Sofa und dem Sessel. Die Orthopäden Deutschlands können sich sicher sein, in einigen Jahren viele neue Kunden mit Rückenproblemen zu haben. Und weil ein Notebook, das in der Regel nur zum Surfen, als besseres Bilderalbum und für die Kids zum Spielen von Sesamstraße und Co. genutzt wird, viel weniger Platz verbraucht, als ein PC, kann der alte, extra vor zwei Jahren angeschaffte Wohnzimmerschrank in den Keller. Er war eh viel zu klobig, im Vergleich mit den anderen Möbeln zu tief, schließlich mußte ja ein 19 Zoll Bildschirm her. Die Designerwohnung der Werbung ist groß, hell, mit großen Fensterfronten, Balkon, dem Flachbildschirm-TV, Sofa und vielleicht noch einer LED-Designerleuchte ausgestattet. Kinder und Männer haben keinen Zutritt, würden so nur Unordnung und Staub das schöne Bild stören. (Die können ja zum Computerschrank in den Keller gestellt werden. – Am Notebook surfen, zumindest der Werbung nach, eh nur Frauen, auf dem Boden liegend, im Wohnzimmer)

Nun, meine Realität sieht da ganz anders aus. Wobei ich damit sehr zufrieden bin. Eigentlich. Wenn ich schon die Designermöbel nicht haben kann (oder besser: will)  und auch der Rest der Wohnung mitnichten der Werbewohnung entspricht, könnte ich doch wenigstens all die netten Sachen nutzen, die die da auch haben.

So, diese tollen Fotohandys oder Handyfotos, wo man sich von der Party die tollen Frauen direkt nach Hause auf den Bildschirm holt, oder wie die junge Frau den schnuckeligen Skilehrer gleich der Oma als Schwiegersohn zeigt. Nun, was aber nutzt mir das verfluchte Teil, wenn ich, da ich ja eh nur noch telefoniere und deswegen gar nicht außer Haus muß, was also nutzt es mir, wenn die Party heutzutage quasi virtuell, per Konferenz stattfindet. Jeder bleibt zuhause, futtert die Chips auf der Couch und quasselt über die Strippe. Mal den anderen auf ein Bier oder Wein zu besuchen, gehört nicht mehr zum täglichen Leben. Schon gar nicht ohne Termin. Und schon viel weniger, ohne vorher angerufen zu haben.

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da bin ich zu meinem Spezi gefahren, habe geklingelt (er wußte nicht, daß ich kommen wollte!) – er öffnete und wir trafen uns. Einfach so. Ohne Grund. In Jeans und T-Shirt, ohne noch  vorher zu duschen. Kaum vorstellbar, aber so etwas habe ich wirklich gemacht (man bin ich toll!)

Als ich dies neulich meiner achtjährigen Tochter vorschlug (‚Besuch doch einfach mal deine Freundin und geh mit ihr auf den Spielplatz nebenan, es sind nur 500 Meter bis dahin‘) hat sie mich völlig entrüstet angeschaut. Als ich dann auch noch von ihr verlangte, einfach mal hinzugehen – ohne vorher zu telefonieren -  gab sie mir unmißverständlich zu verstehen, daß so etwas Unanständiges nicht mit ihr zu machen sei. Da müsse man erst mal eine Uhrzeit aushandeln, anrufen, ob die Freundin auch da ist und dann, aber auch nur dann, verläßt man das Haus.

Aber hallo!

Offenbar habe ich einiges im Leben falsch gemacht.

Ok, dann machen wir jetzt mit dem Spezi, einem werdenden Vater, einen ‚Termin‘ und dann gehe ich hin und trinke ein Bier mit ihm. Zumindest kann ich dann erwarten, daß das Bier auch kalt ist. Hatte er  ja genug Zeit zur Vorbereitung.

Nun mit dem neuen Handy noch ein Bildchen von uns gemacht und ...

Ne, nix und, bei den Preisen ist das eindeutig zu teuer, es als MMS zu schicken. Also irgendwie, via Bluetooth auf den PC, ach ne, wir nutzen ja jetzt Notebook und dann....

Enttäuschung. Die Qualität ist ja so mies, daß noch nicht mal der Versand via eMail lohnt.

Abgesehen davon, wem sollten wir es schicken? Die Aktion hat uns jetzt schon zwei Stunden und zwei Bier gekostet, nur damit sich dieses Notebook mit der Kamera versteht – und dann ist die Qualität nichts.

Schicken wir das Bild unseren Frauen, wissen die gleich, daß wir nicht mehr ganz nüchtern sind. Abgesehen davon, was soll meine Frau mit dem Bild?

Schicken wir es einem Kumpel, steht der in 10 Minuten ungefragt vor der Tür und wir haben eh nur noch zwei Bier für jeden. Also auch nicht.

Urlaubsbekannte!

Besser nicht, bislang hatten die einen guten Eindruck von mir. Einer Freundin? Auf keinem Fall. Wenn die dann mit einem Bild, daß ich ihr schickte, von ihrem Freund erwischt wird, kommen wir in Teufels Küche. Und viel schlimmer noch – was, wenn das Bild ohne meine Zustimmung an andere weitergeleitet wird? Allein der Gedanke an Millionen nicht autorisierte Bilder, die um die Weltkugel schwirren, bringen mich (nach dem vielen Bier) zum wanken.

Nein, wir drucken das Bild aus.

Mit Entsetzen betrachten wir das Ergebnis. Absolut unbrauchbar. Die Qualität reicht nicht mal für die Größe eines Paßfotos. Das neuere Handy mit den ach so tollen 1 Megapixeln hat zwar eine bessere Auflösung, aber das ist schon alles. Für ein gelungenes Bild braucht es wohl immer noch eine gute Kamera und einen (nüchternen) guten Fotografen.

Nun irgendwann wird jeder mal schwach, auch ich brauche mal wieder neueste Technik.

Nachdem ich über viele Jahre mit meinem Modem eine Vorreiterrolle in meinem Bekanntenkreis spielte, waren 56kb zum Surfen nicht mehr ausreichend. Lange Jahre hat es ausgereicht, um 10.000e eMails zu schreiben, Internetseiten mit Leben zu füllen und ich kann mich noch an die Zeiten mit dem 19,6er  und 14,4er Modem erinnern.

DSL muss jetzt her.

Und wenn, dann gleich richtig.

WLAN, damit das Notebook und der Rechner der Kids auch etwas davon hat.

Aufrüsten, gegen all die Nörgler und Zweifler, die mich vor Jahren auslachten über meine Internetmanie, und mir heute stolz ihre Familienwebseite mit den Bildchen der lieben Kleinen präsentieren.

Aufrüsten, um Radio endlich online zu hören (HÄÄÄH, schalt doch einfach das FUNK-Radio ein! Es kostet sogar noch weniger.)

Aufrüsten, um die verpasste ‚Heute‘-Sendung (ich war am Telefonieren) hinterher doch noch als Videostream zu sehen. (In einer Stunde kommt schon wieder Heute-Journal, warte doch einfach)

Aufrüsten, damit ich endlich wieder schneller, besser, weiter bin.

Warum eigentlich?

Ich weiß es nicht.

Da waren das Bier und die Streitgespräche mit den Kumpels gestern abend eigentlich viel besser. Später als sonst beim Surfen, war es auch nicht, nur der zweite Schnaps (ich vertrage das Zeug einfach nicht) führte zu ungeahnter Müdigkeit heute morgen. Zumindest das Problem habe ich nach dem Surfen nicht.

Aber es hat sich in den letzten Tagen dann doch noch ein ganz klarer Pluspunkt herauskristallisiert, warum ich unbedingt DSL, WLAN und ein Notebook brauchte.

Ich saß bei dem schönen Wetter draußen im Garten, hätte surfen können oder auch eMails schreiben, habe es aber gelassen und mich an den Fröschen und Vögeln erfreut, mich über vorbeifliegende Flugzeuge geärgert, mit dem Nachbarn über den Zaun die neuesten Geschichten ausgetauscht – aber ich hätte ins Internet gehen können.

Und wenn ich ehrlich bin – ich habe nichts verpasst. Im Gegenteil.

Jetzt muß ich nur noch meinen Kindern beibringen, daß man durchaus ungefragt jemanden besuchen darf – und es ist dann keine Beleidigung, wenn der andere dann sagt, er habe jetzt keine Zeit.

Aber es unglaublich viel schöner mit anderen Menschen direkt zu sprechen, mit eigenen Augen die Welt zu sehen und sich das Erlebte nur im Kopf zu behalten.

Das Leben ist kurz,
seht, fühlt, staunt, erfahrt
und nehmt alles in euch auf.
Mitnehmen geht nicht...

Jürgen Rode
p|s|i|o|n|w|e|l|t


 

 

Wir erkennen alle hier genannten Copyrights und Warenzeichen an !
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